Südwestpresse Montag 02.10.2000 |
Reutlinger GEA Montag 02.10.2000 |
Die schwarze Cobra lockte |
So ein alter Achtzylinder lechzt nach Sprit |
Die Autoliebhaber kamen aus ganz Deutschland und den angrenzenden Ländern |
US-Car Treffen auf dem Metzinger Bongertwasen Berge von Plüsch und Chromleisten |
Fünf Parkplätze lang ist die Stretch-Limousine, zwei Parkplätze breit die Corvette. Amerikanische Autos sind weder etwas für schmale Straßen, noch für schmale Geldbeutel - wie sich am Wochenende beim US-Car-Treffen auf dem Bongertwasen gezeigt hat. |
Denken in anderen Dimensionen |
EVELYN RUPPRECHT METZINGEN: Western-Musik tönt über den Bongertwasen, im Festzelt tanzt die Boogie-Woogie-Tanzgruppe aus Tübingen und Besucherströme schlängeln sich vorbei an Cadillacs und Chryslers, Buicks und Dodges, Lincolns und Pontiacs. Die Autokennzeichen an den amerikanischen Schönheiten machen es schnell klar: Hier stehen nicht nur die Autos des Veranstalters dieses US-Car-Treffens, des American Car Clubs Reutlingen (ACC), sondern die Auto-Fans sind an diesem Wochenende mit Ihren Straßenkreuzern gleich Club-weise aus ganz Deutschland und den angrenzenden Ländern angereist. Am Samstag war noch vergleichsweise wenig los. "Bis zum Abend standen 250 Autos hier", weiß Helmut Harpprecht vom ACC. Trotzdem fand er auch den Samstag schon spitze. "Weil so gute Stimmung im Festzelt war", sagt er. Bis auf den letzten Platz war das Zelt besetzt. "Und Kelly Parkhurst hat gesungen wie der Cat Stevens in seinen besten Zeiten", lobt Harpprecht den Sänger, der hier am Samstagabend aufgetreten ist und von kurz nach 18 Uhr bis nach Mitternacht passend zu den Autos Country und Western-Musik und ein bisschen Bruce Springsteen gespielt und gesungen hat. "Auch mit den Besucherzahlen sind wir zufrieden. Bis Sonntag Mittag haben wir von 4000 gedruckten Eintrittskarten schon 2000 verkauft", berichtet Harpprecht - wohl wissend, daß am Sonntagnachmittag am meisten Leute erwartet wurden, weil da auch die Prämierung der schönsten Autos war. Stolz kann der ACC mit seinen 50 Mitgliedern, die fast alle am Wochenende bei der Veranstaltung mitgeholfen haben, auch darauf sein, daß immerhin über 400 US-Cars zu sehen waren. Darunter so außergewöhnliche Autos wie ein Ford Modell aus den 30er Jahren, das von der Karosserie her zwar im Originalzustand ist, aber mit neuem Fahrgestell und Motor ausgerüstet wurde und jetzt fast 400 PS unter der Haube hat. Voll ausfahren kann der Fahrer seinen Ford allerdings wohl nie. Das erlaubt die alte Karosserie nicht - und erst recht kann er sein Auto nicht auf Hochtouren jagen, wenn der außenliegende Notsitz, der sogenannte Schwiegermuttersitz, geöffnet und besetzt ist. Ebenfalls vom Feinsten: Ein knall-türkis-farbener Chevy Bel-Air, Jahrgang 1957, eine schwarze Cobra mit 400 PS, die die Besuchermassen anlockte, zwei umgebaute Corvettes zu je 350PS, dutzende Pick-Up's und Buicks, eine Stretch-Limousine, die allerdings noch restaurierungsbedürftig ist. Sie stand auf dem Bongertwasen als eine Art Anschauungsobjekt. "So wie die Limo jetzt ausschaut, kaufen wir fast alle Autos auf. Und wenn wir sie aufgepeppt haben, sehen sie aus, wie die Prachtstücke hier", sagt Helmut Harpprecht und schaut sich stolz auf dem Bongertwasen um, wo die US-Cars nur so blinken und blitzen, nachdem die Besitzer jede Menge Arbeit und nicht gerade wenig Geld in Ihre Restaurierung gesteckt haben. |
HARTMUT HOLDER METZINGEN: Alle reden vom Drei-Liter-Auto. Sie nicht. Die Mitglieder und Freunde des American Car Clubs Reutlingen (ACCR) denken zwangsweise in anderen Dimensionen. Denn so ein alter Achtzylinder lechzt nach Sprit. Übers Wochenende waren rund Fünfhundert dieser chromblitzenden Boliden anlässlich des 6. US-Car Treffens auf dem Metzinger Borgertwasen zu finden. Und zu Hören. Der Vorsitzende des ACCR war regelrecht aus dem Häuschen. Nein, mit einem solchen Zuspruch haben wir nicht gerechnet. Aus halb Europa waren die alten Cadillacs und Studebakers angereist, und die Besucher strömten aufs Metzinger Festgelände. "Bewegend" nannte das Walter Ringeltaube, sichtlich um Fassung bemüht. Zeit sich an dem bunten Bild zu erfreuen, hatte er aber nicht, pausenlos klingelte das Handy des Organisators und Vorsitzenden, der persönlich Camaros Baujahr 1967 und 1979 sei Eigen nennt. Es war ein buntes Völkchen, das da seine PS-Boliden in die Sieben-Keltern-Stadt ausgeführt hatte. Endlos müssen die Autos zuvor geschrubbt, geputzt und poliert worden sein. Kein Schmutzfleck, kein Rost trübte den freien Blick auf quadratmeter große Flächen aus Chrom und aufgemotzte Motoren. Und lustig sind sie auch, die Besitzer der Vans und Pickups: Auf den Steckbriefen zu den Fahrzeugen steht daß Leistung "auch da" oder "genügend" vorhanden sei und es an "einigen" Besonderheiten auch nicht fehlt. Dieter Burkhardt mit seiner Frau Waltraud ist so ein Scherzkeks. In mehreren tausend Arbeitsstunden hat er seinen Chevy G20 leicht modifiziert. Sprich er hat Berge von rotem Plüsch, Chromleisten und Elektronik eingebaut. "Das Leben ist viel zu kurz, um popelige Autos zu fahren", klebt frech an der Scheibe. Für ihn ist das pure Lebensphilosophie. "Die einen halten mich für verrückt, die anderen für einen Zuhälter", er senkt den Blick ins Plüschreich. Und das stellt inzwischen einen nicht unerheblichen Wert dar. Mindestens 150.000.- DM rechnen die Burkhardts vor. Nur: Es dürfte einfacher sein, ein Haus zu bauen, als ein solches Fahrzeug mit Aktenordnern voller Ausnahmegenehmigungen und Gutachten durch den bundesrepublikanischen TÜV zu bekommen. Die Ökosteuer ist bei den Freunden amerikanischer Karossen ein Thema eher von sekundärem Interesse. 15 Liter feinen Sprit schluckt so ein Wägelchen schon. Im Standgas versteht sich. Und im Fahrbetrieb? Naja ein Vierzigtonner ließe sich mit der selben Menge Sprit ohne Probleme auf die Alb karren. Dafür hat so einer auch keine Stereo-Anlage mit Hyper-Bass, die das Auto regelrecht zum Leben erweckt. Patienten mit Herzschrittmachern wäre das Auto nicht zu empfehlen, sie würden eine Extrasystole riskieren. Walter Ringeltaube und seine fünfzig Mitglieder haben schon einmal Pläne für die Zukunft geschmiedet. "Wir kommen gerne wieder", erklärt er. Freunde der US-Cars sind zum Stammtisch eingeladen. Der ist jeden Freitag ab 20.00 Uhr in der Metzinger Stadiongaststätte. |